SucheSuchen
OfflineSie sind aktuell nicht angemeldet:
Icon KeyLogin      Icon RegistrierungRegistrierung

Detailansicht

Erst das Vertrauen, dann die Technologie

Heilbronn, 12.06.2026 (PresseBox) - Bisher ist sie vor allem in Zusammenhang mit Krypto-Währungen bekannt: Bei Bitcoin und Co. sorgt die Blockchain-Technologie, also dezentrale digitale Datenbanken zur transparenten und fälschungssicheren Datenspeicherung, für sichere Transaktionen. Doch Blockchain lässt sich auch in anderen Bereichen anwenden, etwa in der Lieferkettenfinanzierung.

?In vielen Lieferketten bleiben die Lieferanten unterfinanziert?, sagt David Wuttke, Außerordentlicher Professor für Supply Chain Management am TUM Campus Heilbronn. Das zeige sich insbesondere in Entwicklungsländern, in denen Bankdienstleistungen häufig fehlen, und Informationen ungleich verteilt sind. Hier kann Blockchain möglicherweise Abhilfe schaffen, erklärt Sairam Sriraman, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Center for Digital Transformation der TUM School of Management am Campus Heilbronn: ?Die Technologie kann den Zugang zu Finanzmitteln verbessern, indem sie Transaktionsprobleme verringert, die durch mangelnde Transparenz, fragmentierte Systeme, langsame Abwicklung und Doppelfinanzierungen entstehen können.? Doch wie genau baut die Blockchain-Technologie diese sogenannten Friktionen ab? Welche Eigenschaften der Technologie zahlen sich besonders aus und wo stoßen sie an ihre Grenzen?

Wuttke und Sriraman sind diesen Fragen in einer Studie gemeinsam mit Eve Rosenzweig, Professorin an der Emory University und TUM Distinguished Affiliated Professor, sowie Volodymyr Babich, Professor an der Georgetown University, auf den Grund gegangen. Dabei haben sie 312 Textdokumente, die elf verschiedene Blockchain-gestützte Supply-Chain-Finanzierungslösungen (BCF) beschreiben, analysiert. Mit Hilfe KI-basierter Sprachmodelle untersuchten sie, wie sieben Finanzierungsfriktionen mit den drei Blockchain-Funktionen Informationsaustausch, Automatisierung und Tokenisierung zusammenhängen. Tokenisierung bedeutet dabei die digitale Abbildung eines Vermögenswerts, Rechts oder Nutzungsanspruchs.

Überraschende Ergebnisse

Die größte Überraschung: Transaktionsfriktionen ? also operative Finanzierungshindernisse ? werden in diesen Dokumenten am häufigsten erwähnt, obwohl sie in der wissenschaftlichen Literatur bislang relativ wenig Beachtung gefunden haben. ?Langsame Dokumentenabläufe, fragmentierte Systeme und zu viele Übergaben können dazu führen, dass Finanzmittel die Unternehmen nicht rechtzeitig erreichen. In der Praxis hat das erhebliche geschäftliche Konsequenzen und kann ein zentraler Grund für eine langsame oder ineffektive Finanzierung sein?, erklärt Wuttke. Warum diese Hindernisse bisher trotzdem oft übersehen werden? ?Bei nicht-blockchainbasierten Finanzierungsvereinbarungen spielen sie eine eher untergeordnete Rolle?, ?Möglicherweise erscheinen sie aus akademischer Sicht zu offensichtlich oder alltäglich?, vermutet Wuttke. Blockchain könne hier gut helfen: ?Sie kann vertrauenswürdige gemeinsame Datensätze erstellen, Schritte automatisieren und manchmal die Abhängigkeit von Zwischenhändlern verringern.?

Ein weiteres auffälliges Ergebnis ist, dass die Tokenisierung nicht in allen Fällen genutzt wurde.  Da diese Eigenschaft die Blockchain von herkömmlichen Technologien unterscheidet, hatten die Forscher erwartet, dass sie in allen Konstruktionen zum Einsatz kommt. ?Die Tokenisierung eignet sich besonders, um digitale Ansprüche auf Vermögenswerte zu schaffen oder die Abhängigkeit von Zwischenhändlern zu verringern?, sagt Wuttke. Die meisten Unternehmen in der Studie würden den Einsatz von Blockchain jedoch in erster Linie damit begründen, Reibungsverluste bei Transaktionen zu beseitigen, fügt Sriraman hinzu: ?Dabei setzen sie hauptsächlich auf Informationsaustausch und Automatisierung.? Das könnte sich in Zukunft ändern: ?Für die beiden genannten Funktionen gibt es alternative Technologien wie Cloud-Lösungen. Auch Smart Contracts ? also automatisch ausgeführte digitale Verträge ? könnten eine wichtige Rolle spielen. Die Tokenisierung dagegen gehört zu den zentralen Blockchain-Funktionen.?

Grundlage für weitere Forschung

Wie lassen sich diese Erkenntnisse auf die Realität der Zulieferer und mittelständischen Betriebe übertragen? Wuttke rät: ?Sie sollten nicht blind auf technologische Lösungen vertrauen, sondern genauer analysieren, wo die eigentlichen Hindernisse liegen ? ob sie zu wenig vertrauenswürdige Informationen haben, ob zu viel manuell bearbeitet werden muss oder ob es Schwierigkeiten bei der Umwandlung von Vermögenswerten in Finanzmittel gibt. Blockchain bringt nur dann Vorteile, wenn die gewählte Funktion zum jeweiligen Problem passt.? Sriraman fügt hinzu: ?Eine gemeinsame Plattform mit den Partnern kann sehr hilfreich sein, um an günstigere Finanzmittel zu kommen, aber auch um überhaupt Zugang zu Finanzmitteln erhalten. Voraussetzung dafür ist gegenseitiges Vertrauen.?

Mit ihrer Studie leisten Wuttke und Sriraman Pionierarbeit, denn Blockchain wird in der Lieferkettenfinanzierung bisher noch selten eingesetzt. ?Wir möchten mit unserer Studie die Grundlage für weitere Forschung zu diesem völlig neuartigen Thema legen?, sagt Wuttke. Die kleine Stichprobe erschwere zwar belastbare statistische Aussagen. ?Doch sobald größere Datenmengen vorliegen, wäre es großartig, die Zusammenhänge genauer zu untersuchen.?

Künftige Forschungsfragen könnten sein, wie Information, Automatisierung und Tokenisierung zusammenwirken. Oder welchen Mehrwert mögliche Hybridlösungen aus KI und Blockchain schaffen könnten. Dass sich Blockchain in der Lieferkettenfinanzierung langfristig durchsetzen wird, sei keinesfalls sicher, sagt Wuttke: ?In zehn Jahren wird KI möglicherweise Blockchain verdrängt haben. Es könnte aber auch auf eine völlig andere Technologie hinauslaufen, die die Blockchain ersetzt ? etwa Quantencomputing. Auf jeden Fall bleibt es spannend, die weitere Entwicklung mitzuverfolgen.?

Partnerportale:   seminarSPIEGEL | Initiative Mittelstand | PresseBox | aktiv-verzeichnis.de